Massive Einflussnahme der Industrie auf EU-Forschungsprojekte zu gentechnisch veränderten Pflanzen

Bericht zeigt enges Netzwerk zwischen Experten und Industrie

9. November 2015

Das EU-Projekt GRACE präsentiert am 9. und 10. November seine Ergebnisse auf einer Tagung in Potsdam. GRACE führte Fütterungsversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen an Ratten durch und bewertete vorliegende Publikationen zur Risikoforschung. Nach Analyse von Testbiotech zeigen die Resultate des Projektes eine massive Einflussnahme durch die Industrie. Testbiotech veröffentlicht heute einen Bericht und dokumentiert, dass dieser Einfluss nicht nur bei GRACE, sondern auch bei vier ähnlichen EU-Projekten deutlich ist, die sich mit der Risikobewertung gentechnisch veränderter Pflanzen befassen. Die Koordinatoren dieser Projekte sind Teil eines engmaschigen Netzwerkes von Organisationen, die von der Industrie finanziert werden.
An GRACE sind auch Industrieagenturen wie PERSEUS und GENIUS direkt beteiligt, die im Auftrag von Biotech-Firmen agieren: Beispielsweise verhandelte PERSEUS jüngst im Auftrag einer US-Firma über eine Anbaugenehmigung von Raps in Deutschland, der mit neuen Gentechnik-Verfahren hergestellt ist. Bei GRACE kümmert sich PERSEUS um die Kommunikation.
„Die hier dokumentierten Verbindungen zwischen den EU-Forschungsprojekten und industrienahen Institutionen können nicht als zufällig abgetan werden. Eine Handvoll industrienaher Wissenschaftler und ihr Netzwerk dominieren die mit öffentlichen Geldern finanzierte Gentechnik-Risikoforschung in der EU“, fasst Christoph Then von Testbiotech die Recherche zusammen. „Wir erwarten, dass die EU-Kommission jetzt Konsequenzen zieht. Es müssen neue Mechanismen entwickelt werden, um in Zukunft eine wirklich industrieunabhängige Risikoforschung zu fördern.“
Derzeit sind in der EU bereits etwa 60 verschiedene gentechnisch veränderte Pflanzen für die Verwendung in Lebens- und Futtermitteln zugelassen. Viele davon wurden nie in Fütterungsversuchen auf gesundheitliche Risiken überprüft.
„Wie schwierig es ist, die tatsächlichen gesundheitlichen Auswirkungen des Verzehrs gentechnisch veränderter Pflanzen zu untersuchen, zeigt sich in der aktuellen Diskussion um die möglicherweise krebserregende Wirkung von Fleisch. Anders als bei der Risikoabschätzung von klar definierten chemischen Substanzen, sind derartige Untersuchungen auf Langzeitstudien und Daten von einer großen Anzahl Personen angewiesen“, erklärt Then. „ Hier gibt es deutliche Parallelen zu Fragen, die auch bei der Sicherheitsbewertung von Gentechnik-Pflanzen entscheidend sind.“
2016 wird die EU-Kommission darüber entscheiden, welche Standards künftig bei der Risikoprüfung durch die EFSA angewandt werden, bevor über eine Marktzulassung entschieden wird. Dabei will sich die Kommission insbesondere an den Ergebnissen von GRACE orientieren. Testbiotech warnt davor, dass die EU-Kommission auf der Grundlage der vorliegenden Ergebnisse gewollt oder ungewollt zu falschen Schlussfolgerungen kommen könnte.
Angesichts der vielen offenen Fragen in der Risikobewertung empfiehlt Testbiotech einen Stopp der EU-Zulassungen gentechnisch veränderter Pflanzen. Ist diese Maßnahme politisch nicht durchsetzbar, müssen zumindest die Standards der Risikoprüfung deutlich angehoben werden. Testbiotech fordert zudem eine vollständige Transparenz der Vergabemechanismen der angeführten Forschungsprojekte, eine kritische Überprüfung der Zusammensetzung der beteiligten Experten und der Ergebnisse der Projekte.
Darüber hinaus fordert Testbiotech einen systematischen Aufbau und die Förderung einer Risikoforschung, die von den Interessen der Gentechnik-Industrie tatsächlich unabhängig ist. Um das zu erreichen, sollten u.a. Umwelt- und Verbraucherverbände schon bei der Entscheidung über die Vergabe von Projekten im Bereich der Risikoforschung beteiligt werden und nicht erst, wenn die Projekte bereits gestartet wurden.

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